Social Networking


Nachdem ich schon seit vielen Jahren einen Account bei Xing (früher OpenBC) und seit anderthalb Jahren ein Profil bei StudiVZ habe, betreibe ich nun auch bei Facebook Seelenstriptease.

Diese “Social Networking” Portale finde ich auf viele verschiedene Arten faszinierend. Aber erstmal der Reihe nach. Am Mittwoch suchte ich aus Spaß nach ein paar Leuten, die ich im Tanzkurs kennengelenrt habe, und zwar mit genau den Suchparametern, die man in einer ganz normalen Konversation unter Studenten innerhalb von 2 Minuten in Erfahrung bringt: Vorname, Studienfach, Hochschule,. Was als Spaß begann, brachte schnell beunruhigende Tatsachen ans Licht: Die Trefferquote dieses Versuches lag bei nicht weniger als 100%.

Auf den ersten Blick ist das natürlich eine feine Sache: Man lernt jemanden kennen, möchte mit diesem in Kontakt treten, schaut schnell in’s Studiverzeichnis und drei Klicks später hat man alle notwendigen Informationen, um mit dieser Person in Kontakt zu treten.

Schaut man sich die Geschichte allerdings etwas genauer an, so wird einem schnell klar, welche Probleme dies mit sich bringt: Sobald man die oben genannten Parameter einer Person X in Erfahrung bringt, kann man mit Hilfe von StudiVZ die Liste der in Frage kommenden Personen so weit einschränken, dass das eindeutige Identifizieren dieser Person X im größten Teil der Fälle innerhalb weniger Minuten möglich ist.

Oder um das nochmal verständlicher auszudrücken: Durch die unschuldigen Fragen: “Wie heisst du? Was studierst du? Wo studierst du?” ist man heute schon in der Lage, fast jeden deutschen Studenten im StudiVZ wiederzufinden.

Machen wir uns nun einmal die Implikationen dieser Aussage auf unsere heutige Gesellschaft klar: Sobald ich ein StudiVZ Profil besitze, gebe ich bei jedem durchschnittlichen Gespräch, das ich mit irgendjemandem führe, genügend Informationen preis, um meine Identität komplett offenzulegen.

Die Frage, die sich nun natürlich stellt, ist, ob ein ungezwungener Umgang mit anderen Menschen so überhaupt noch möglich ist. Wird der eigene Vorname, das Studienfach oder der Studienort zur vertraulichen Information? Bisher war es eigentlich nicht ungewöhnlich, jemandem, den man gerade neu kennengelernt hat, zumindest seinen Vornamen mitzuteilen. Wird sich dies in Zukunft vielleicht ändern?

Bevor wir diese Frage beantworten, sollten wir uns jedoch zuerst überlegen, was Menschen dazu bewegt, ihre privaten Daten in exibizionistischer Art und Weise auf Webportalen der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen. Der erste Schritt hierzu ist die Anmeldung bei dem besagten Portal. Meiner Meinung nach ist der Hauptgrund für die Anmeldung eins Users nicht der Verlangen, seine persönlichen Daten preiszugeben, sondern vielmehr der Wunsch, Informationen über andere Personen in Erfahrung zu bringen. So könnte man sich beispielsweise dafür interessieren, welcher Beschäftigung die ehemaligen Klassenkameraden heutzutage nachgehen.

Um die gewünsche Information zu erhalten, muss der neue User allerdings erst etwas tun, nämlich ein eigenes Profil anlegen. Hierzu ist die Eingabe einer Mindestmenge an Information erforderlich.

Nun hat man den User nun durch das Wecken des Bedürfnisses nach Information bereits dazu gebracht, ein Profil im Social Network anzulegen. Dadurch wächst beim neuen User auch gleich das nächste Bedürfnis, nämlich das Verlangen nach einer positiven Selbstdarstellung: Ein leeres Profil sieht nicht gut aus, und das Löschen des Profils ist natürlich auch keine Option, da man hiermit ja auch den eigenen Zugang zu dem Dienst löschen würde.

Der Erfolg des Social Networks steht und fällt mit dem Anzahl der darin enthaltenen User. Natürlich würde sich niemand bei einem Dienst anmelden, der kaum User besitzt. Wie das Bootstraping des Social Networks genau aussieht ist natürlich Geschäftsgeheimnis des Betreibers. Geld auf die ganze Geschichte zu werfen, hilft allerdings. So kann man z.B. materielle Anreize für neue User schaffen, sich anzumelden. Wenn man sich nun die Tatsache vor Augen führt, dass die finanzielle Macht hinter StudiVZ niemand geringeres als die Samwer Brüder, denen die Welt auch schon Jamba! zu verdanken hat, ist, so ist dieses Szenario sogar recht wahrscheinlich. Wenn man nun noch weiß, dass StudiVZ Anfang 2007 für fast 100 Mio Euro von Holtzbrinck Networks gekauft wurde, wird schnell klar, welchen Wert eine Datensammlung dieser Größe besitzt.

Fakt ist, dass die Trennung zwischen der “realen” Welt, und der virtuellen Welt des Internets lange nicht mehr zeitgemäß ist. Zwischen diesen beiden Welten hat längst eine Verschmelzung stattgefunden. Ereignisse des realen Lebens werden im Internet in Text-, Bild- und Tonform dokumentiert und Aktionen im Internet haben Einflus auf das reale Leben. So melden wir uns z.B. im Internet zu Klausuren an, überweisen Geld via Onlinebanking, kommunizieren mit Leuten per und E-Mail oder stellen eben auch private Informationen über uns im Internet zur Verfügung.

Nun aber zurück zu meiner eigentlichen Frage, ob denn ein ungezwungener, offener Umgang mit Leuten im realen Leben so noch möglich ist. Sicher ist, dass sich unsere Gesellschaft durch die oben beschriebene Verschmelzung starken Veränderungen unterliegt. Die Welt ist kleiner geworden, Informationen über andere Personen sind leichter den je, zu bekommen. Wie genau diese Veränderungen aussehen werden, bin ich nicht in der Lage, vorherzusagen. Sicher ist jedoch, dass die besagten Veränderungen nichtmehr rückgängig gemacht werden können, und dass wir einen völlig neuen Umgang mit unseren Informationen werden erlernen müssen.

Ich möchte damit nicht sagen, dass man sich vollkommen fern von Social Networking Diensten halten sollte – dies würde wahrscheinlich sehr schnell dazu führen, dass man in eine Art digitale Aussenseiterrolle gedrängt wird. Warnen möchte ich jedoch davor, zu viele, zu private Informationen von sich selbst preiszugeben. Oder Informationen, die einen später diskreditieren könnten – denn eins ist sicher: Das Netz vergisst nichts.


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